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DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHWEFELHÖLZERN
Szenisches Konzert der Streicherakademie Hannover
von Ulrich Roscher
Am Sonntag, 22. März 2026 fand im Galeriegebäude des Herrenhäuser Schlosses in Hannover ein festliches Konzert der Streicherakademie Hannover in Zusammenarbeit mit mehreren Kinder- und Jugendchören der Stadt unter der Gesamtleitung von Marie-Luise Jauch statt. Diese Akademie ist eine private Unterrichtsstätte, die Kindern und Jugendlichen aus der Region eine profunde Ausbildung auf allen Streichinstrumenten anbietet. Marie-Luise Jauch, die sich seit vielen Jahren als Mitglied im DTKV Niedersachsen engagiert, hat diese Akademie vor 23 Jahren gegründet. Bei dem Konzert in dem mit 500 Zuhörern voll besetzten Barocksaal wurden nun 120 Schüler und Schülerinnen streichend, singend und tanzend bewegt, was allein unter organisatorischem Aspekt eine Meisterleistung des siebenköpfigen Teams dieser Akademie darstellt.
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| Die Streicherakademie im Galeriegebäude des Herrenhäuser Schlosses in Hannover |
Die Stückauswahl des Programms reichte von G. F. Händel (der sich in seiner Zeit als Hannoverscher Kapellmeister öfters in demselben Saal aufgehalten haben dürfte) über Mendelssohn und Schostakowitsch bis hin zu der Adaption eines Songs der Rockgruppe Coldplay. Das alles diente zur Illustration von H. C. Andersens Märchen vom Mädchen mit den Schwefelhözern: Dieses arme Kind versucht in einer kalten Silvesternacht, mit dem Verkauf von Streichhölzern etwas Geld für den Lebensunterhalt ihrer Familie zu verdienen – ohne Erfolg. In seiner Verzweiflung zündet es nun verbotenerweise ein Streichholz nach dem anderen an, um sich wenigstens selbst daran etwas zu wärmen. Dabei verfällt das Mädchen in Träume über gut beheizte Stuben und reich gedeckte Tische, mit denen der wohlhabende Teil der Gesellschaft zur gleichen Zeit den Silversterabend feiert. Bei Andersen verstirbt das Kind über diesen Träumen. Im Konzert der Streicherakademie wurde diese Geschichte andeutungsweise dreimal nacheinander durchgespielt – jedesmal mit einem anderen Ausgang: Beim ersten Mal ziehen die Kinderchöre, in jämmerliche Lumpen gehüllt, bettelnd an dem auf der Bühne agierenden Orchester vorbei. Dabei bekommt das Mädchen eine erträumte Geige gereicht und wird zu den Klängen von Brittens Sentimental Sarabande ins Jenseits aufgenommen. Beim zweiten Durchgang vertreiben die hungernden Kinder die erklingende Hochkultur von der Bühne. In der dritten Version finden Chor und Streichorchester zusammen unter dem Motto der solidarischen Zusammenarbeit. Welches Stück könnte das besser zum Ausdruck bringen als Schillers Ode an die Freude, welche zum Abschluss des Abends in einer reduzierten Fassung der Vertonung durch L. v. Beethoven erklang, zur merklichen Gaudi aller Beteiligten und zum Jubel des begeisterten Publikums.
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| Ein heimeliger Weihnachtsbaum, erträumt vom frierenden Mädchen mit den Schwefelhölzern |
Es ist hier nicht der Ort, auf die Vielzahl der in diesem Programm vorgetragenen Stücke einzeln einzugehen. In Erinnerung bleibt der auffällig saubere, satte Streicherklang der verschiedenen, nach Altersstufen gestaffelten Ensembles. Dieser Sound hängt sicherlich mit der besonderen Methodik zusammen, welche die Streicherakademie verfolgt: Bei den Jüngsten geht es los mit viel Singen, dies konsequent auch auf Tonsilben, also der Einübung der Solmisation. Dazu kommen tänzerische Übungen und vor allem das Prinzip: Weg mit den Noten! Das Instrument selbst, die Anforderungen seiner Handhabung und der Klang, den man daraus zieht, stehen auf diese Weise im Zentrum der Aufmerksamkeit des Schülers. Der Erfolg dieser Methode ist hörbar. Besonders glücklich sind die Momente, in denen künstlerischer Ausdruck und pädagogische Methode direkt zusammenfließen.
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| In voller Aktion: unterschiedliche Altersgruppen bei der Streicherakademie |
Das war z. B. der Fall, als die Kinder die Ausgelassenheit einer gutbetuchten Silvestergesellschaft dadurch illustrierten, dass sie, eine fröhliche Fiddlemusik spielend, zugleich einfache Tanzschritte dazu vollführten. Bei einer solchermaßen beweglich einstudierten Musik kann eine Steifheit am Instrument, wie man sie andernorts gerade bei Streichern oft beobachtet, gar nicht erst aufkommen.
In der Streicherakademie Hannover wird ein weiter Bogen gespannt von der elementaren Methodik des Streichinstrumentenspiels über die stilistisch angemessene Darstellung klassischer Meisterwerke bis hin zur geistigen und gesellschaftlichen Bedeutung der Musik. Dafür ist sie seit Jahren immer wieder mit Preisen bedacht worden, zuletzt mit einem guten Abschneiden beim Bundesorchesterwettbewerb 2025 in Mainz. Die Akademie verdient jedoch nicht nur die Aufmerksamkeit auf solchen Wettbewerben, sondern auch die aller Fachkollegen, die nach auch neuen Wegen in der Instrumentalpädagogik suchen. Können wir Musiker etwas zur Verminderung der Spaltungstendenzen in unserer Gesellschaft beitragen? Yes, we can.
◾ Ulrich Roscher (ro)
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